Jules und Micky… 3 Jahre voller Action

Ich wurde kürzlich gebeten doch ein wenig mehr zu Jules‘ und meinem Werdegang der letzten 3 Jahre zu erzählen. jaaa. Ich fang dann mal an 😉

März 2014 – Jules zieht ein

Als ich damals Anfang 2014 wieder in meine Heimat zog, war klar, dass über kurz oder lang auch wieder ein eigenes Pferd auf dem elterlichen Hof einziehen wird. Ich sah mich also eine Weile um und verliebte mich in Jules. Jules war damals 16, ich wusste von einem kleinen Arthrose-Problemchen im Vorjahr, aber sonst schien er soweit gesund. Jules ist ein Fuchs von 1,75m Stockmaß. Also genau das, was ich suchte. Nämlich 1,55 und Rappe … Aber man bekommt ja immer das Pferd, das man braucht und nicht, das man will oder wie war das?

Ankunft
Jules‘ erster Tag

Jules zog also ein. Jules kannte über mindestens 10 Jahre nur den Turnierstall. Also Box, Paddock und mit Glück ein Streifen Wiese. Man kann sich vorstellen, dass er anfangs ein wenig überfordert war von 1ha Winterweide (es war ja März) und draußen bleiben bis es dunkel wird. Die ersten Wochen hab ich ihn nämlich nachts noch eingestallt. Fütterung (Hafer/Maisflocken) hab ich von der Vorbesitzerin übernommen, genau wie die Ausrüstung. Ganz nach dem Motto „never change a running system“. Die erste Zeit ging alles gut. Der Herr gewöhnte sich langsam ans immer länger draußen bleiben und irgendwann Anfang Mai stand er dann abends auch nicht mehr wartend am Gatter und wollte rein. Nun hatten wir also ein waschechtes Offenstallpferd. Er wirkte glücklich und zufrieden in seiner WG mit dem Traber und wir lebten so vor uns hin. Gewisse reiterliche Defizite störten mich anfangs nicht, wir gingen ja nur ins Gelände.

 

Oktober 14 – die Reitbeteiligungen sind los

So vor dem Winter entschied ich mich eine Reitbeteiligung zu suchen, da klar war, dass ich neben der Arbeit und unseren suboptimalen Trainingsbedingungen (Grasplatz, kein Licht) im Winter nur wenig würde tun können mit Jules und grade mit der Arthrose im Hinterkopf möchte man ja regelmäßige gezielte Bewegung gewährleisten. Da ich niemand fand, der 2 Tage die Woche kommen wollte, hatten wir dann 2 sehr nette Mädels mit jeweils einem festen Tag. Alles lief super, die beiden liebten Jules, er mochte sie. Alle zufrieden.

Tiede
Winter 14 – hier noch mit alter Ausrüstung

Dezember 14 – das Schicksal nimmt seinen Lauf

Wir kommen also in den ersten gemeinsamen Winter und damit kam die Mauke. Hinten rechts. Das weiße Bein. Wo auch sonst. Gut. Ich also das Internet durchforstet und wochenlang die gängigen Hausmittelchen durchprobiert.  Nichts davon half. Als dann noch ein richtig schöner Einschuss dazukam, hab ich an den Tierarzt übergeben. Am Ende der Woche war ich 400€ ärmer und der Fuß maukefrei. Genau für eine Woche. Dann ging das Spiel von vorne los. Nur ohne Einschuss.

Nach einiger Recherche stieß ich dann auf die wunderbare Almut von sapodoris.de. Almut stand mir mit viel Rat und einem offenen Ohr in langen Emails immer zur Seite. Es wurden Fotos geschickt, Behandlungsempfehlungen ausgesprochen und langsam aber sicher wurde es besser, sehr langsam. Der Verdacht, dass da mehr im Argen liegt, wurde immer größer. Also Blutbild gemacht, Mineralmängel festgestellt. Diese behoben. Aber so richtig gut wurde es nicht. Noch nicht. Es war klar, ich brauche Hilfe vor Ort. Aber wen und woher und welcher Therapie-Ansatz?

Februar 2015 – so langsam geht’s an die Substanz

Da stand ich nun also. Nach knapp einem Jahr mit wieder eigenem Pferd. Eine totale Baustelle, ein immer noch dickes Bein. Offenbar ging es ihm einfach nicht gut und ich wusste nicht mehr, was ich noch tun sollte. Täglich zwei Mal waschen und cremen, dazu bewegen, damit das Bein dünner wird, Box misten, denn das sollte ja sauber bleiben… Ich kam wirklich an den Rand meiner Kräfte. Die Mädels waren klasse. Kamen trotz allem weiterhin jede Woche. Unterstützen mich mit allen Therapie-Ideen, die ich so hatte.

Im Februar dann kam unser Tierheilpraktiker Ulli ins Spiel. Und Ulli machte einen wunderbaren Job. Der ganzheitliche Ansatz, sein Gespür für Tiere und deren Baustellen und seine Behandlungsmethoden… Das brachte den Durchbruch. Denn auch wenn im Blutbild alles in Ordnung schien – so reagierte Jules doch extrem auf die Triggerpunkte für Leber und Niere. Dazu kam, dass ihm offensichtlich der Sattel, den ich von der Vorbesitzerin übernommen hatte, hinten und vorne nicht passte. Obendrein hatte er noch wirklich viele Verspannungen von Atlas bis Schweifrübe inklusive schiefer Hüfte… Die Baustelle wurde immer größer – das finanzielle Fass hatte schon länger keinen Boden mehr.

Wir starteten also mit verschiedenen Kuren für Leber/Niere. Dazu Akupunktur. Kurz darauf trat Vera in unser Leben, eine ganz wunderbare Physiotherapeutin, die in mehreren Sitzungen und mit vielen Erklärungen und Hausaufgaben Jules‘ Blockaden löste und siehe da – als das ISG nicht mehr blockiert war und durch die homöopathische Kur und die Akupunktur so langsam der Stoffwechsel wieder ins Lot kam, wurde auch das dicke Bein wieder dauerhaft dünn. Parallel dazu stellten wir die ganze Ernährung um. Weg mit dem Mais, her mit Schwarzhafer und Luzerne, passendes MiFu, alles tippitoppi.

Dazu kam dann natürlich auch ein neuer – passender Sattel. Naja. Passend. Dem Zitat der Sattlerin zufolge „so gut passend, wie diesem Pferd eben ein Sattel von der Stange passen kann“. Zwischen den Zeilen gelesen war mir also schon klar, dass da irgendwann nochmal was anderes her muss, aber für den Moment waren wir versorgt. Und zum Dressurreiten hatten wir ja ein Pad.

der neue Sattel
Die neue Ausrüstung ist da!

Nichtsdestoweniger musste ich einfach mal raus. Mir wurde alles zu viel. Eine Hiobsbotschaft nach der anderen, nur noch Therapeuten am Pferd, Geld investiert ohne Ende. Abends nach der Arbeit Box misten, Bein versorgen, spazieren gehen. Ich war durch. Und auch mein THP war sicher, dass ich einfach mal raus musste, weil so langsam meine Sorgen das Problem am Gesundheitszustand des Pferdes waren.

Ich sprach also mit meinen Eltern und den RBs und fuhr spontan zwei Wochen in Urlaub. Dort wurde ich nur sporadisch auf dem Laufenden gehalten und erholte mich wirklich gut. Die Mädels und Papa hatte zu Hause im Stall alles im Griff. Als ich wieder kam, sah die Welt völlig anders aus. Ich hatte wieder Zuversicht und neuen Tatendrang und es ging voran.

Frühjahr 15

Wir werkelten also weiter so vor uns hin. Es ging auf die Sommerweide, der Herr nahm langsam zu (völlig abgebaut an Masse und Muskeln hatte er nämlich so ganz nebenbei im Winter auch noch), das Reiten lief wieder. Außerdem versuchte ich mich in Longe- und Bodenarbeit. Mit… nennen wir es mal „mäßigem“ Erfolg. Recht bald war klar: Wir brauchen Hilfe. So kam dann im

Juli 15

unsere liebe Tara ins Spiel. 🙂 Tara ist unsere Reitlehrerin und arbeitet nach klassisch-akademischen Grundsätzen. Genau so etwas hatte ich gesucht, weil ich Jules biomechanisch korrekt und nochmal ganz von Anfang an „ausbilden“ wollte. Als er kam war er recht schenkel- und zügellahm. Ich würde sagen klassisch „sauer geritten.“ Er mochte nicht an das Gebiss herantreten, konnte den Rücken nicht anheben. Von Versammlung, Aufrichtung oder auch nur vorwärts/abwärts keine Spur. Herr Pferd lief wie eine Giraffe und hatte keinerlei Motivation, daran was zu ändern. Der neue, passende Sattel, ein neuer Zaum (die pöhse Dressurkandare ) und die Behandlungen für den Rücken waren da schon ein wichtiger Schritt. Aber es war klar: Wenn man den Rücken dauerhaft bessern will, muss man an der Muskulatur und Beweglichkeit des Pferdes arbeiten und dabei sollte Tara uns helfen.

Ich fuhr Ende Juli 15 zu Tara, besichtigte den Stall und wir quatschten über eine Stunde über Jules, seine Vorgeschichte, meine reiterliche Vorgeschichte und ihre Trainingsansätze. Eine Woche später waren wir zum ersten Mal dort.

Tara 1
Akklimatisieren vor der ersten Einheit bei Tara

Tja. Was soll ich sagen. Ich hatte mir ein wenig mehr erwartet als dass ich 30 Minuten rückwärts gehend vor meinem Pferd herlaufe und ihn mit Gertenberührungen davon abhalte in einer Schulter auszufallen. Genau das war dann auch meine Hausaufgabe… 4 Wochen lang. 4 Wochen lief ich rückwärts mit der Gerte wedelnd vor meinem Pferd her und davor und danach massierte ich ihm den Rücken nach den Vorgaben von Vera (unserer Physio). Soll ich euch was sagen? Ich kam mir reichlich bekloppt vor. Meine Eltern lachten schon nur noch, wenn ich wieder mit Gerte und Kappzaum bewaffnet auf den Reitplatz stiefelte.

Massage
Massage Einheit

Aber nach 4 Wochen zeigten sich erste Erfolge und dann ging es eigentlich recht zügig vorwärts. Als der Herr dann mal verstanden hatte, dass er parallel fußen kann, dass Biegung nicht automatisch auf die Schulter kippen heißt und dass der Kopf so mit Maulspalte auf Buggelenkshöhe auch ganz bequem ist… Dann ging es in Riesenschritten vorwärts. Wir konnten dann den Abstand beim Führen immer weiter vergrößern, es klappten auch schon erste Trabversuche und es brauchte immer weniger Einwirkung für eine ordentliche Haltung. So ging es dann weiter zu den Grundlagen der Bodenarbeit. Kruppherein im Schritt, bald Schulterherein, beides am Zirkel, im Wechsel und auch im Trab… Das Pferd machte keinen Halt vor nichts mehr 🙂

Oktober 16
Oktober 15 nach der Bodenarbeit

Der nächste Winter kam und damit der Stillstand. Eine Reitbeteiligung verließ uns und um dem Herrn dann unter der Woche neben dem Job überhaupt Bewegung bieten zu können, fuhr ich einmal die Woche zu Tara. Wir hatten zwar immer tolle Einheiten, aber irgendwie kamen wir einige Wochen so gar nicht richtig voran. Wir probierten viele Gebisse durch, auch den Semikappzaum… und irgendwann hatten wir dann das richtige gefunden. 🙂

Im Januar 16

hatten wir den nächsten Durchbruch. Beim Trainingssamstag war Jules auf einmal super motiviert und wir mauserten uns zum Streberteam des Tages. Vom Kruppherein im Trab auf dem Zirkel wechselten wir quasi völlig fließend in die Traversalen. Ein Knoten war geplatzt und ich endlich mal wieder irrsinnig begeistert von meinem Pferd. Nicht dass ich das davor nicht gewesen wäre, aber dieser Stillstand und die viele Arbeit ohne nennenswertes Vorwärtskommen – irgendwie ist das doch frustrierend.

Wir bekamen also langsam neuen Tatendrang, der Winter war bald vorbei und es ging immer weiter vorwärts.

Leider war er über den Winter erneut sehr dünn geworden und er musste auf der Weide erst wieder einiges zulegen. Aber davon ab ging es ihm schon super.

Im Mai zog dann noch unser La Selle bei uns ein. Das war so der letzte Ausrüstungsgegenstand, den wir noch brauchten.

Im Juli 16

zu unserem Jahrestag waren wir auch wieder bei Tara zum Samstagstraining zu Gast und konnten gar nicht glauben, wie viel wir in dem einen Jahr gelernt hatten und wie weit wir schon gekommen waren: Ein gesundes, glückliches Pferd mit sichtbarer Motivation, die gestellten Aufgaben zu lösen und die Anforderungen zu übertreffen. Vernünftige Muskulatur, Beweglichkeit und völlig entspanntes Mitarbeiten. Ich war einfach nur glücklich.

14188496_1055343117919839_4857907281453033039_o
Die ersten Traversalen im Galopp

Zu der Zeit war ich nun auch 10 Wochen freigestellt von der Arbeit und hatte richtig viel Zeit, um mit Jules zu arbeiten. Ich wechselte anstrengende und weniger anstrengende Einheiten, Gymnastik am Platz mit Konditionstraining im Gelände ab. Und hier passierte dann auch das Unglaubliche… Eigentlich wollte ich ja einen Springer, hab dann aber mit Jules ein 10 Jahre lang nur dressurmäßig gerittenes Pferd gekauft mit der Info „Springen ist nicht so seins, der geht nicht mal gern über Cavaletti“… Na gut. Konnte ich irgendwie mit leben. Wir hatten uns für ein Jagdpferdetraining angemeldet. Unser Schleppjagdverein bietet das mehrmals im Jahr an zum Reinschnuppern für Pferd und Reiter. Ich dachte mir, wir versuchen das mal, schließlich liebte ich als Kind das Jagdreiten und Jules war ja mittlerweile absolut geländegängig – wenn auch kein Springer.

Nun ja. Wir galoppierten also im Gelände einen relativ steilen Waldweg hoch als plötzlich ein Baumstamm quer lag. Und ich rechnete mit allem… Dran vorbei, stehenbleiben, links, rechts… Aber nein. Jules setzte an und sprang drüber. Von alleine, völlig ohne Druck. Als ob er mir sagen wollte „Schau, jetzt hab ich genug Kraft, jetzt mach ich das auch gerne!“ Ich hätte weinen können vor Freude, so überwältigt war ich.

August 16

Wir fuhren also zum Jagdtraining. Und das war ein Spaß! Dass ich ein intelligentes Pferd habe, wusste ich ja schon länger, aber hier wuchs er wirklich über sich hinaus. Ich hatte mit Robert, dem Vereinsvize, vereinbart, dass er mir beim Springtraining mit Chico voraus-springt. Chico ist ein absolut routinierter Springer. Also ritten wir zum Obstgarten, Robert und Chico sprangen voraus und Jules sprang ohne zögern alles hinterher. Ob Baumstamm, Bürsten, Wall oder Graben. Es war ihm egal. Er sprang einfach. Wir waren also bestens für die Jagdsaison vorbereitet, denn wie das mit den Hunden und dem hinterher galoppieren läuft, das hatte Jules innerhalb von 2 Einheiten begriffen.

img_9706

Herbst/Winter  16/17

Wir ritten also eine unbeschreibliche Herbstjagdsaison mit insgesamt 7 Jagden, parallel dazu trainierten wir weiter mit Tara. Seit Oktober bzw. Dezember haben wir nun wieder 2 tolle Mädels, die uns regelmäßig unterstützen und bei denen Jules wirklich in besten Händen ist. Diesen Winter wurde er sogar ein bisschen mopsig, was ich von ihm gar nicht kenne, aber die Wohlstandsplautze steht ihm gut 😛 Hab ich wohl meiner weiteren Optimierung von Kraft- und Mineralfutter zu verdanken.

DSC_0396
Die Plautze 

Ich freue mich wirklich, nun nach der Winterpause endlich wieder voll ins Training einzusteigen und meinen nun fast 20-jährigen in die nächste Jagdsaison mit akademischem Background zu schicken. Ein bisschen bunte Hunde sind wir ja schon immer. Die ARler grinsen immer, wenn ich vom Jagdreiten erzähle, die Jagdreiter sind ganz erstaunt, wenn ich von der AR erzähle… Aber für uns beide ist das die perfekte Kombination. <3

Ich habe diese sehr persönliche Geschichte aufgeschrieben, um anderen Mut zu machen. Wir hatten wirklich dunkle Zeiten, in denen es uns nicht gut ging. Physisch wie psychisch. Jules ist ein Vollblut-typisch sehr sensibles Pferd. Er spiegelt viel, er trägt viel von mir, er kommuniziert viel – wenn man ihm zuhört. Ich bin mir mittlerweile sicher, dass er anfangs auch Züge der erlernten Hilflosigkeit hatte, dass er sich damit abgefunden hatte, dass keiner versteht, was er will, woran er Freude hat. Wenn ich mir jetzt Bilder meines Pferdes ansehe, egal ob bei der Arbeit oder auf der Weide, dann sehe ich ein stolzes Pferd, das vor Lebensfreude sprüht, dem es gut geht und das „im Lack“ ist. Er hat sich wirklich zum zweiten Seelenpferd meines Lebens gemausert und ich bin einfach nur froh, ihn zu haben. Die Arthrose macht uns übrigens bis heute *KlopfAufHolz* dank angepasster Fütterung, Haltung und Training keinerlei Probleme. Nichtmal das Hüpfen über Jagdsprünge scheint ihn zu stören, denn wenn er das nicht freiwillig täte, würde ich das nie verlangen.

 

 

 

 

 

Aufwärmen für Fortgeschrittene

Ich werde zur Zeit öfter Mal gefragt, was ich bei der Dressurarbeit so an Aufwärmübungen mache. Ehrlich gesagt ist das gar nicht so schwer.

Ich fange immer an mit einigen Bahnen am langen Zügel im Schritt. Danach folgen ein bis zwei Bahnen mit angenommenem (rahmengebendem) Zügel. Da ich ja dressurmäßig nach der akademischen Reitweise arbeite, reite ich hier mit Semikappzaum und Renaissancekandare. Mit dieser Kombination fühlen Herr Pferd und ich uns am wohlsten und es fällt ihm am leichtesten loszulassen.

Ich frage also während dieser Zeit am rahmengebenden Zügel immer wieder über leichte Impulse am Kandarenzügel, ob er sich ans Gebiss herandehnen möchte. In der Regel tut er das auch.

Dann reite ich je Hand im Schritt folgende Lektionen (jaa, wir sind immer noch beim Warmreiten) jeweils an der langen Seite der Bahn:

  • Schulterherein
  • Kruppherein
  • Renverse
  • je halbe lange Seite Kruppherein/Schulterherein
  • je halbe lange Seite Schulterherein/Renverse
  • Traversale zum Handwechsel

Wenn hier alles auf beiden Händen gut geklappt hat, wiederhole ich das ganze im Trab.

Im Zuge der Übungen wiederhole ich immer wieder die Impulse am Kandarenzügel, sodass er sich während der Aufwärmphase bereits leicht in Aufrichtung begeben kann.

Dann sind wir beide schön warm und beweglich und können mit der eigentlichen Arbeit anfangen.

Fehlerfinden/Problem beheben:

Nun. Natürlich haben auch Jules und ich weniger gute Tage. Mal zwickt es ihn wo, mal mich. Wenn der Fehler nicht an mir liegt (schlechter Sitz durch zB Verspannung oder schlechte Konzentration), dann kann ich ziemlich sicher sein, dass es Jules irgendwo zwickt und es gilt herauszufinden, wo und wie man das beheben kann.

Wenn er sich schon am Anfang schlecht lösen will, also sich im Genick verwirft und/oder im Kiefer fest macht, dann ist es bei uns reine Konzentrationssache. Das heißt, ich muss ihn mehr beschäftigen und seine Aufmerksamkeit zu mir holen. In solchen Fällen wechsle ich in die Zirkelarbeit. Dort frage ich dann Schulterherein und Kruppherein im Wechsel ab, oft nur 2-3 Tritte und umstellen. Außerdem baue ich dann gerne Schritt-Halt-Schritt-Übergänge ein (und im weiteren dann auch Trab-Halt-Trab; dies ist im Übrigen auch eine wunderbare Übung, um das Pferd mehr auf die Hinterhand zu setzen).

Merke ich bei einem der Seitengänge, dass ihm eine Seitengang speziell oder auch eine Hand allgemein schwerer fällt, arbeite ich langsam aber kontinuierlich an genau diesem Problem. Oft beginne ich dann mit nur 2-3 korrekten Tritten, richte sofort gerade, lobe und es gibt eine kurze Pause in Form von Abstrecken dürfen. Das steigere ich dann langsam über mehrere ganze Bahnen, bis er mindestens die Hälfte der langen Seite korrekt bewerkstelligen kann. Ich bitte dabei zu beachten, dass ich mein Pferd dahingehend mittlerweile sehr gut kenne und natürlich nicht Übungen weiter abfrage, wenn ich merke, dass ihm etwas wirklich unangenehm ist. Aber im Großen und Ganzen sehe ich Seitengänge – vor allem im Schritt – als Bewegungs- bzw. Physiotehrapie (und seien wir ehrlich, wir finden auch nicht immer angenehm, was der Physiotherapeut mit uns macht, dennoch geht es uns hinterher viel besser 😉 )

Seit wir diese Beständigkeit im Training haben, die man so vielseitig einsetzen kann (andere Abfolge der Lektionen, ab und an baue ich den spanischen Schritt mit ein oder reite die Übungen auch auf der Mittellinie bzw. dem Zirkel), läuft unser Training wirklich um ein Vielfaches besser.

Unser Weg zur Akademischen Reitkunst

Untertitel: Wer ohne Fehler ist, werfe den ersten Stein…

März 2016

IMG_20151002_182254644

Es war einmal eine Reiterin, die sich recht unüberlegt ein ausrangiertes Turnierpferdchen als Freizeitpferd anschaffte… Sie übernahm die Ausrüstung der Vorbesitzerin und erfreute sich an ihrem Pferd. Schnell wurde ihr bewusst, dass die „Probleme“ und die durch eben diese „Probleme“ von der Vorbesitzerin genutzte Ausrüstung (und die einzig zur Verschleierung der Probleme diente) nicht am Pferd lagen… Aber wenn man halt 10 Jahre lang vorne zerrt und hinten treibt, dann lernt ein Pferd sich aufs Gebiss zu legen und den Schenkel geflissentlich zu ignorieren.

Nun gut. Ich erarbeitete mir also ein wieder schenkelfeines Pferd, das ging ganz gut. Was blieb, war die völlige Ignoranz von Zügelhilfen und das Scheitern eines jeden Versuches, den Herrn in Stellung/Biegung zu reiten.

Daher stellte ich irgendwann von der doppeltgebrochenen Wassertrense im englisch-kombinierten Zaum plus Tiedemannhilfszügel auf eine Dressurkandare um. Diese war nach unendlichen Testläufen mit allem, was der Markt sonst an üblichen Gebissen und gebisslosen Zäumen hergibt, das einzige, was meinen Herrn Pferd dazu brachte zumindest ohne Kraftakt und Gezeter in halbwegs vernünftiger Haltung zu laufen – und ohne Kraftakt meint hier am relativ langen Zügel, der ausschließlich rahmen-gebend und nie nach hinten wirkte.

006
Im Winter 14 – noch mit Tiedemann-Kombi unterwegs

Nun ja. Die Rittigkeit ließ dennoch immer mehr nach, das Pferd wurde immer steifer, baute Muskulatur ab – vor allem am Trapezmuskel, wollte nicht mehr untertreten…

Ich ließ dann eine Physiotherapeutin und eine Sattlerin kommen – mit ernüchterndem Ergebnis. Der ach-so-toll-angepasste Sattel der Vorbesitzern passte aber mal sowas von überhaupt nicht (daher der atrophierte Trapezmuskel) und auch sonst war das Pferd eine einzige Blockade von Atlas bis Schweifrübe. Insofern war es auch kein Wunder, dass Sitzhilfen nicht funktionierten… Er konnte sie durch die Brücke, die der Sattel bildete, schlicht nicht spüren.

Gut. Wir kauften einen neuen Sattel, wir behoben die schlimmen Verspannungen, ich fing an Bodenarbeit zu machen und die Ernährung wurde auch umgestellt. Der Erfolg war – wir nennen es mal – mäßig. Die Verspannungen waren bei der kleinsten Fehlbewegung wieder da, die Hüfte wieder schief. Muskelaufbau negativ.

IMG_20150609_190556939
Massage-Einheit (Pferd hier wie man sieht sehr dünn nach dem Winter 14/15)

Ich fing an mich in vieles einzulesen. Facebook-Foren. Bücher. DVDs gucken. Und erinnerte mich im Zuge dessen immer mehr an die Dinge, die mein Opa mir vor vielen Jahren über die Ausbildung von Jungpferden beigebracht hatte. Jungpferd. Haha. Mein Wallach war zu der Zeit knapp 18. Irgendwann kam ich zum Longenkurs nach Babette Teschen. Tolle Sache. Nur leider fand mein Pferd, dass Longieren keinen tieferen Sinn hat, als im Kreis zu rennen mit Kopf auf Giraffenhaltung und voller Last auf der inneren Schulter. Stellung/Biegung über Kappzaum? Da erntete ich nur Unmut und völlige Verständnislosigkeit von meinem Pferd… Recht bald war klar: Wir brauchen Hilfe!

Ich wollte eine Trainerin, die nach klassisch-akademischen Grundlagen arbeitet, da mir wichtig war, biomechanisch korrekt im Tempo des Pferdes zu arbeiten und ihm erst einmal die Grundlagen beizubringen. Ich fuhr zu Tara und besprach mich mit ihr. Eine Woche später begannen wir im Sommer letzten Jahres mit akademischer Bodenarbeit. Erst einmal wochenlanges Grundlagen-Training. Führen in Stellung und Biegung. Ewig. Und immer wieder. Bis er verstand. Dann nach und nach der Übergang in Richtung Longearbeit. Parallel dazu weiter Bodenarbeit mit Seitengängen, übertreten, Vorhandwechsel. Mittlerweile das Ganze auch geritten…

Kurz vor Weihnachten 2015 waren wir an dem Punkt, dass das Pferd nun gesund ist, keinerlei Verspannungen mehr zu finden sind und sich einfach nur wohl fühlt in seiner Haut. Ich war und bin so stolz darauf, was wir in wenigen Monaten bereits geschafft haben.

Derzeit sind wir dabei, das „nötige Handwerkszeug“ zu finden. Das heißt ein barocker Sattel und ein neuer Zaum werden bei uns einziehen. Wir testen fleißig, was Pferd und Reiter gut gefällt und liegt und dann wird eine Entscheidung getroffen.

IMG_20160223_211648688
Ein Bückeburger Gebiss mit 4 Zügeln – gefällt Herrn Pferd ganz gut.

Mein Fazit: Wir müssen immer wieder uns, unsere Pferde, unser Tun und alles weitere in diesem Zusammenhang überdenken, zu ändern bereit sein und am Ende des Tages auch dazu lernen. Wir haben in 8 Monaten so unwahrscheinlich viel erreicht und gelernt. Ich bin stolz und zugleich gespannt, was das Jahr 2016 für uns bereit hält.

Wir werden weiter berichten – hoffentlich dann bald auch mit besseren Fotos und Gedanken zum Training an sich.

In diesem Sinne: Prost & allen ein schönes Wochenende,
Eure Offenstalltussi